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Nach Corona: Europa

Prof. Dr. Joybrato Mukherjee
Prof. Dr. Joybrato Mukherjee Jonas Ratermann/DAAD

Überlegungen von DAAD-Präsident Joybrato Mukherjee im Mai 2020 zur Bedeutung Europas für die Hochschulen während und nach der Corona-Krise.

​​Wir wohnen im Süden Aachens, wenige Minuten von der belgischen Grenze. Unsere Autobahnauffahrt „Aachen-Süd“ ist bereits auf der belgischen Seite, der nächstgelegene Supermarkt Delhaize auch. Auf Spaziergängen und Wanderungen an Wochenenden überqueren wir oft – und unbemerkt – die Staatsgrenzen zu Belgien, auch zu den nahe gelegenen Niederlanden.

In der Corona-Krise ist dieser selbstverständlich gewordene und intensiv gelebte europäische Alltag wie weggefegt: Die Einreise nach Belgien ist nicht mehr möglich, auch die niederländischen Grenzbeamten sind angewiesen, Deutsche vom Grenzübertritt abzuhalten. In den Medien kann man verfolgen, wie in der aktuellen Krise jeder Nationalstaat in Europa seine eigene COVID-19-Eindämmungsstrategie umsetzt, nun auch immer stärker eigene Exit-Strategien und Lockerungsschritte definiert. Es ist paradox: Wir haben es mit einer Pandemie zu tun, einem Infektionsgeschehen, das keine Grenzen kennt – und dennoch agieren wir seit Wochen als abgeschottete Nationalstaaten und nicht als Europäische Union. Ja, man kann es natürlich nüchtern damit erklären, dass in Sachen Seuchenbekämpfung die Nationalstaaten – in Deutschland auch die Bundesländer und Landkreise – schlicht mehr Kompetenzen haben als die EU. Aber die Unsichtbarkeit der EU in der Krisenbewältigung, die uns Bürgerinnen und Bürger in Atem hält wie kein Nachkriegsereignis zuvor, fügt sich in ein Gesamtbild, zu dem eben auch der Austritt Großbritanniens aus der EU, die in den letzten Jahren immer stärker gewordene Europafeindlichkeit von rechtsaußen, die autoritäre „illiberale“ Welle in mehreren EU-Staaten und der immerwährende Streit über die Vergemeinschaftung von Schuldenlasten – von der Bankenkrise über die Eurokrise bis zur Corona-Krise – gehört. Man kann in diesen Tagen endgültig den Eindruck haben, dass Europa kein handlungsfähiger Akteur, keine solidarische Union und keine Wertegemeinschaft mehr ist. Wir laufen Gefahr, eine der größten Errungenschaften nach dem Zweiten Weltkrieg zu verspielen: die geniale Idee eines immer stärker zusammenwachsenden Europas.

Auch die deutsche Wissenschaft, unsere Hochschulen und Forschungseinrichtungen, unsere Wissenschaftler und Studierenden haben enorm von diesem zusammenwachsenden Europa profitiert, siehe zum Beispiel die vielen exzellenten Forschungsarbeiten, die mit ERC Grants gefördert wurden und werden, den seit über 30 Jahren so erfolgreichen ERASMUS-Austausch oder die jüngst etablierten europäischen Hochschulnetzwerke. Machen wir uns nichts vor: ohne die Einbettung in Europa wäre der Wissenschschaftsstandort Deutschland nicht annähernd so attraktiv, leistungsstark und wettbewerbsfähig wie wir es bis zur Corona-Krise waren und hoffentlich bleiben werden. Und deshalb gilt: Wir müssen unseren Beitrag dazu leisten, dass das europäische Projekt während und nach der Corona-Krise gestärkt wird.

In meiner Bewerbungsrede in der Mitgliederversammlung des DAAD im Juni 2019 skizzierte ich drei Schwerpunkte für meine Amtszeit als Präsident, darunter Europa. Damals war mit COVID-19 noch nicht zu rechnen, aber bereits damals war in aller Deutlichkeit erkennbar: Der einheitliche europäische Hochschulraum ist in einem zunehmend fragmentierten Europa eine kooperationsstärkende, eine stabilisierende, eine identitätsstiftende Kraft, die wir nutzen müssen – gerade der DAAD als Wissenschaftsorganisation und als Nationale Agentur für EU-Hochschulzusammenarbeit. COVID-19 ändert nichts daran, dass eine erfolgreiche Zukunft Deutschlands als Wissenschaftsstandort nur mit Hilfe starker europäischer Netzwerke und eines intensiven innereuropäischen Austausches gesichert werden kann. In unserer außenwissenschaftspolitischen Strategie für die 2020er Jahre wird Europa daher eine herausragende Rolle zu spielen haben.

Die deutsche EU-Ratspräsidentschaft im zweiten Halbjahr 2020 bietet für uns einen sehr guten Einstieg.

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