Erasmus+ in Wien – Ein Auslandssemester mit besonderen Herausforderungen meistern
Lilli Zeifert, Kultur- und Linguistik-Studentin der Universität Potsdam berichtet von ihrem Erasmus+-Semester an der Universität Wien und davon, wie sie ihren Studienalltag und die Organisation mit schwerer körperlicher Behinderung gemeistert hat.
Auslandswunsch und Studium
Schon vor Beginn meines Studiums war für mich klar, dass ich unbedingt ein Auslandssemester machen möchte – trotz meiner schweren körperlichen Behinderung. Bereits in der Grundschule war ich Mitglied einer Erasmus-AG. Damals konnte ich aufgrund eines Schulwechsels leider nicht an einem Austausch teilnehmen, aber mein Wunsch, andere Länder, Sprachen und Kulturen kennenzulernen, blieb bestehen. Jahre später durfte ich meine restliche Schulzeit aus privaten Gründen sogar in verschiedenen Ländern verbringen. Diese Erfahrungen haben meine Offenheit und Neugier auf das Leben im Ausland noch verstärkt.
Warum Wien?
In meinem Bachelor studiere ich Kulturwissenschaft als Erstfach und Linguistik als Zweitfach. Ursprünglich wollte ich mein Auslandssemester mit dem Erstfach in Spanien absolvieren.
Da es jedoch keine passenden Partneruniversitäten gab, wäre das für mich – insbesondere mit meiner speziellen Situation – sehr kompliziert geworden. Schließlich entdeckte ich über mein Zweitfach Linguistik die Möglichkeit, im Fach Sprachwissenschaft ein Semester an der Universität Wien zu verbringen. Wien war für mich sofort eine klare Entscheidung: Diese beeindruckende Kulturstadt hatte mich schon bei früheren Besuchen begeistert. Als Musicalkritikerin und Autorin arbeite ich selbst viel im Bereich Kunst und Kultur, daher war Wien für mich auch fachlich perfekt geeignet. Zudem hatte ich für ein früheres Studienziel bereits Kontakt zum Barrierefrei-Team der Universität Wien und wusste, dass ich dort gut unterstützt werden würde.
Vorbereitung, Organisation und Finanzierung
Die Vorbereitungen begannen früh, da bei mir einige besondere Aspekte berücksichtigt werden mussten. Zusammen mit dem Outgoing-Team in Potsdam berechneten wir den finanziellen Mehraufwand, den ich aufgrund meiner Behinderung habe. Dieser wurde vom Erasmus+ Programm übernommen, sodass mir keine zusätzlichen Kosten entstehen sollten.
Besonders herausfordernd war die Wohnungssuche. Das gängige Studentenwohnheim in Wien war für meine Situation ungeeignet: Ich sitze im Rollstuhl, habe einen Assistenzhund und eine 24h-Assistenzperson, die im Notfall schnell bei mir sein muss. Daher suchte ich nach einer barrierefreien Wohnung mit Aufzug, in der meine Assistentin direkt vor Ort sein konnte. Ich begann die Suche fast ein Jahr im Voraus und fand schließlich über Airbnb eine passende Zweizimmerwohnung.
Die weiteren organisatorischen Schritte verliefen überraschend reibungslos: Bewerbung, Zulassung, Auswahl der Lehrveranstaltungen und das Online Learning Agreement (OLA) funktionierten ohne größere Schwierigkeiten. Auch der Erstkontakt mit den Dozierenden der Universität Wien war sehr freundlich. Besonders positiv fiel mir auf, wie unkompliziert dort der Umgang mit Nachteilsausgleichen und digitaler Lehre gehandhabt wurde.
Im Februar hieß es dann: „Aufbruch nach Wien“. Meine Mutter begleitete mich zunächst als Bezugsperson. Außerdem war ein Kamerateam dabei, denn meine Schwester studiert an der Filmuniversität Babelsberg und wollte ihren Bachelor-Abschlussfilm über mich und meine erste Woche in Wien drehen.
Ankommen, Wohnen und Mobilität in der Stadt
Als wir am Abend in Wien ankamen, wusste ich sofort, dass ich die richtige Entscheidung getroffen hatte. Meine Wohnung in der Pilgramgasse lag ideal: Post, Cafés und öffentliche Verkehrsmittel waren fußläufig erreichbar. Mit dem erworbenen Semesterticket konnte ich mich schnell in der Stadt bewegen und auch zur Universität fahren. Für längere Ausflüge, spontane Unternehmungen mit meinem Assistenzhund oder Notfälle hatte ich mein eigenes Behindertenfahrzeug dabei – ein echter Vorteil, auch wenn man in Wien sehr schnell abgeschleppt wird, wie ich selbst einmal erfahren musste.
Eine kleine Überraschung gab es gleich zu Beginn: Ich erfuhr bei der Einführungsveranstaltung, dass ich mich auch mit meiner Airbnb-Wohnung offiziell in Wien anmelden musste. Dank der freundlichen Besitzerin der Wohnung und dem nahegelegenen Magistrat ließ sich dies aber letztlich schnell und unkompliziert erledigen.
Studium und digitale Lehre
Mein Semester fand überwiegend Digital über Zoom und Moodle statt. Das funktionierte hervorragend: Die Lehrveranstaltungen waren gut verständlich, und ich konnte aktiv teilnehmen. Für Gruppenarbeiten wurden provisorische Lösungen gefunden, damit ich eingebunden werden konnte. Auch alternative Seminarleistungen ließen sich nach Absprache problemlos umsetzen. Die Prüfungsleistungen wurden individuell auf meine Situation abgestimmt, was mir sehr geholfen hat.
Ein weiterer Pluspunkt war der Bibliotheksservice für behinderte Studierende. Ich konnte für mein Studium eine sehr seltene Fachliteratur finden und Digital aufbereiten lassen, sodass ich sie mit einer TTS-Software lesen oder anhören konnte.
Nachteilsausgleich und Unterstützung durch die Universität
Eine wichtige Erfahrung war für mich der Umgang mit dem Nachteilsausgleich. Ich hatte angenommen, dass mein Nachteilsausgleich aus Potsdam automatisch auch in Wien gültig wäre. Tatsächlich wird er dort jedoch nur als Nachweis akzeptiert. Für Wien musste ich einen eigenen Antrag stellen. Zum Glück verlief das Verfahren erstaunlich unkompliziert und wurde schnell bewilligt.
Neben der Uni bot Wien viele großartige Möglichkeiten. Ich besuchte den Prater, Schloss Schönbrunn, ein Museum sowie verschiedene Opern- und Musicalaufführungen. Als Musicalkritikerin konnte ich meiner üblichen Tätigkeit nachgehen und gleichzeitig mein kulturelles Wissen erweitern. Auch Shopping und ein Ausflug nach Linz standen auf dem Programm.
Abschluss und Rückblick
Gegen Ende meines Aufenthalts musste ich mich wieder abmelden und mir die Bestätigung des Aufenthalt-Endes an der Universität Wien abholen. Das zuständige Büro war zwar nicht barrierefrei, aber wir fanden gemeinsam eine pragmatische Lösung: Die Bestätigung konnte mir per E-Mail zugeschickt werden. Auch hier erlebte ich die Mitarbeitenden des Incoming Teams als sehr hilfsbereit und flexibel.
Rückblickend war mein Auslandssemester in Wien eine sehr bereichernde Erfahrung – sowohl fachlich als auch persönlich. Dank Erasmus+ und der Mehraufwandsentschädigung konnte ich den Aufenthalt finanziell gut stemmen. Besonders die Universität Wien hat mich freundlich aufgenommen und mich während des gesamten Semesters gut unterstützt.
Ich kann Wien als Studienstadt sehr empfehlen: Die Stadt verbindet eine lebendige Kulturszene mit einem genügenden Maß an Barrierefreiheit. Für Studierende mit Behinderung kann ein Auslandssemester eine Herausforderung sein, aber mit rechtzeitiger Planung und der Unterstützung durch Erasmus+ und die jeweilige Universität ist es sehr gut machbar.