Erasmus+ in Finnland – Studieren mit Behinderung
Franziska Sanders, Studierende der Hochschule Bremen im Studiengang Schiffbau und Meerestechnik, berichtet von ihrem Erasmus+ Auslandssemester an der Turku University of Applied Sciences in Finnland und davon, wie sie ihren Studienalltag und die Finanzierung mit der Erasmus+ Zusatzförderung über einen Realkostenantrag als Studentin mit Behinderung gestaltet hat.
Studium und Lernkultur in Finnland
Mein Name ist Franziska Sanders. Ich studiere Schiffbau und Meerestechnik an der Hochschule Bremen. Im Rahmen des Programmes Erasmus+ hatte ich die Möglichkeit, ein Auslandssemester an der Turku University of Applied Sciences in Turku (Finnland) zu absolvieren. Mein Aufenthalt fand von August bis Dezember 2025 statt, welches dem finnischen Autumn Semester oder in etwa dem deutschen Wintersemester entspricht.
Ich habe mich für ein Auslandssemester in Finnland entschieden, um mehr internationale Erfahrungen zu sammeln und mein Fachwissen zu vertiefen. Ich habe meinen Auslandsaufenthalt mithilfe der regulären Erasmus+ Förderung und der Zusatzförderung durch die NA
DAAD finanziert. Letztere übernahm die Realkosten, die ich als behinderter Student zusätzlich tragen musste.
Leben, Studium und Freizeit in Turku
Zuerst war das Studium in Finnland sehr anders als mir bekannt. Der hohe Fokus auf den eigenständigen Gebrauch digitaler Hilfsmittel sowie viel Projekt- und Teamarbeit verlangte von mir, mich schnell an lokale Technologie- und Kulturstandards anzupassen. Da die meisten meiner Kommilitonen selbst zwar nicht deutsch waren, aber ebenfalls internationale Studierende, die in einer ähnlichen Situation waren, führte dies nicht zur Isolation. Mehr noch sorgte die diverse Studiengruppe sowie das oft im Ausland studierte Lehrpersonal für angeregte Diskussionen, die durch lokal spezifisches Wissen noch angefeuert wurden.
Außerhalb der Vorlesungen bildete sich schnell ein großes soziales Netz an internationalen Studenten, permanenten Migranten und interessierten Einheimischen, die sich für kulturelle Veranstaltungen trafen. Dies geschah sowohl durch Organisation über die Hochschule wie die Aktivitäten des ESN als auch durch die Stadt Turku wie Piispisperjantai (ein meist wöchentlich stattfindendes Event des International House Turku. Es handelt sich um eine Art internationalen Kaffeetreff am späten Morgen (10:00 Uhr) freitags (fin. perjantai) mit Piispis, einem klassisch finnischen Gebäck, was an einen deutschen Berliner erinnert.). Auch separat von diesen geplanten Veranstaltungen traf ich mich öfter mit neuen Freunden, sei es „nur” für eine Tasse Tee und Spaziergänge zwischen Vorlesungen oder auch für eigenständige Tagesausflüge in umliegende Städte wie Naantali und Tampere.
Alltag, Selbstständigkeit und Organisation
Schließlich war auch das reguläre Haushalten wie Einkäufe, aber auch Physiotherapie Teil meines Alltags. Hier war es besonders wichtig, durch gute Vorplanung und passende Hilfsmittel eigenständig zu sein.
Erfahren habe ich von der Zusatzförderung durch das Erasmus+ Büro der Hochschule Bremen. Dort war Frau Knippel essentiell, da sie mich vor, während und nach meinem Auslandsaufenthalt beraten hat und mir bei der Antragstellung zur Zusatzförderung half. Gerade durch den unterschiedlichen akademischen Kalender zwischen Finnland und Deutschland verlangte dies deutlich mehr Anstrengung, was aber durch die Unterstützung seitens der HSB gemeistert werden konnte. Ohne die Zusatzförderung wäre ein Auslandsaufenthalt für mich nicht im Ansatz finanzierbar und damit umsetzbar gewesen. Ich bin daher dem gesamten Erasmus-Team der Hochschule zu Dank verpflichtet, da sie die Zeit möglich gemacht haben.
Vorbereitung, Unterstützung und barrierefreies Ankommen
Ich würde jedem noch unentschiedenen Studierenden raten, das Gespräch mit dem Erasmus+ Büro zu suchen. Somit kann man die individuellen Bedürfnisse sowie mögliche Förderungen besprechen. Meine Erfahrungen im Ausland waren fantastisch – ich persönlich sehe die Antragstellung und -durchführung als das Stressigste meiner Zeit in Finnland. Dies muss aber nicht für jeden so sein. Mein Semester ist gelungen, weil ich weit im Voraus Recherche betrieben habe, enorme Eigeninitiative gezeigt habe und das Glück hatte, Personen sowohl in Deutschland als auch im Ausland zu finden, die mich vollends unterstützt haben.
Für mein Auslandssemester habe ich diverse Themen recherchiert. Eine Reise nach Finnland vorab war nicht nötig, da ich die meisten Informationen über das Internet und Kontakte bekommen konnte. Meine Gasthochschule, die TUAS, hat keinen direkten Ansprechpartner für Studierende mit Behinderungen. Dennoch wurde ich nach einer kurzen Mail sofort kontaktiert: Fragen wurden beantwortet, ich wurde an Zuständige weitergeleitet, meine Bedürfnisse und Sorgen wurden wahrgenommen, und mir wurden auch außerhalb meiner direkten Fragen Tipps gegeben oder erklärt, wie ich weitere Unterstützung bekommen könnte. Des Weiteren habe ich durch das Alumni-Netzwerk meines Studiengangs mit ehemaligen und derzeitigen Studenten in Finnland Kontakt aufgenommen, um Fragen auch aus der studentischen Perspektive zu klären. Auf der Suche nach einer barrierefreien Wohnung und einem lokalen Physiotherapeuten wurde mir auch außerhalb der Hochschule geholfen.
Fazit und Ausblick
Zusammenfassend würde ich sagen, dass meine Bedenken und Sorgen rund um die Finanzierung die größte Herausforderung meines Auslandssemesters waren. Alles hing davon ab, dass ich die Zusatzkosten irgendwie tragen konnte. Daher war es sehr wichtig für mich, dass das Erasmus+ Büro mir hierbei zur Seite stand und mir die Sicherheit gab, diese Chance zu wahren.
Weitere Eindrücke und Erfahrungen aus meinem Semester in Finnland dokumentiere ich auf meinem LinkedIn-Profil sowie auf dem Instagram-Kanal der StuBBS (Studierendenvertretung für behinderte & beeinträchtigte Studierende der HSB). Wer Fragen hat oder mehr erfahren möchte, ist herzlich eingeladen, dort vorbeizuschauen oder mich direkt zu kontaktieren.