„Öffentliche Gestaltungsberatung St. Pauli“ zum zweiten Mal in Batman
Im Sommersemester waren vom 13. bis 28. April 2026 Studierende der Öffentlichen Gestaltungsberatung des Studios Experimentelles Design der HFBK Hamburg im Rahmen eines Erasmus+ Blended Intensive Programme (BIP) zu Gast in der Stadt Batman und der angrenzenden Region im Südosten der Türkei. Das Projekt knüpfte an eine erste Zusammenarbeit mit der Fine Arts Academy der Universität Batman im Frühjahr 2023 an.
Mobilität von Einzelpersonen: Blended Intensive Programme (BIP)
Koordination: Hochschule für bildende Künste (HFBK) Hamburg
13.-28. April 2026, Terrestrial Cosmologies – Die Öffentliche Gestaltungsberatung St. Pauli in Batman
5. Juli 2026, Pedagogies of Care and Design in Batman – A Public Gathering and Report from a Collaborative Journey, Prof. Dr. Jesko Fezer, Prof. Pelin Tan, Sofia Bempeza, Annette Krauss, Merve Gül Özokcu, İbrahim Halil Demirel, Zelal Gezici, Floating University Berlin
Betreuung: Prof. Dr. Jesko Fezer (Experimentelles Design an der HFBK Hamburg), Prof. Dr. Pelin Tan (Film und Cultural Studies, Fine Arts Academy, Batman University, Türkei), Prof. Dr. Sofia Bempeza, Prof. Dr. Annette Krauss (Kunst und Kommunikative Praxis, Universität für angewandte Kunst Wien)
Finanziert als Erasmus+ Blended Intensive Programme
Kulturelle und ethnische Vielfalt
Als dritte Gruppe waren vom 13. bis 28. April 2026 Studierende und Lehrende der Kunstpädagogik der Universität für angewandte Kunst Wien beteiligt. Pelin Tan, Professorin für Film und Cultural Studies an der Fine Arts Academy Batman, die Istanbuler Architektin Merve Gül Özokcu von Architects for All sowie die Architektin Zelal Gezici aus Batman waren ebenso wie Studierende aus Batman erneut mit dabei. Pelin Tan und Merve Gül Özokcu sind Mitglieder des Kollektivs Arazi Assembly, das den südost-türkischen und den iranischen Raum bezüglich migrationspolitischer und ökologischer Fragen erforscht und tiefes Grundwissen über die Region Raman am Fluss Tigris besteuern konnte. Das Gebiet mit seiner traditionell multiethnischen, syrischen, arabischen, jesidischen und kurdischen Bevölkerung, in dem seit den 1940er Jahren Öl gefördert wird, ist von Konflikten und Kämpfen mit der türkischen Regierung und globalisierten wirtschaftlichen Interessen geprägt.
Austausch von Mensch zu Mensch
Die Studierenden aus Hamburg konnten bei ihrem Aufenthalt auf Erfahrungen zurückgreifen, die bei der Arbeit vor Ort drei Jahre zuvor zusammengetragen worden war. Diese bauten sich eher situativ und informell auf, etwa über Einladungen zum Tee in kurdischen und jesidischen Dörfern und Gespräche mit lokalen Akteur*innen in den unterschiedlichen ländlichen Lebensgemeinschaften und insbesondere durch die praktische gemeinsame Arbeit vor Ort.
Auch diesmal gab es bereits vor der Anreise konkretere Ideen für mögliche Projekte. Es stellte sich allerdings kurz vor Anreise heraus, dass die Idee eines Hirten und Kunstlehrers aus der Region am Tigris, eine Beobachtungsstation und Habitate für bedrohte Vogelarten in traditioneller Lehmbauweise zu errichten, unrealistisch war. Grund hierfür waren vor allem die geologischen Gegebenheiten, wie der ebenfalls in die Kooperation eingebundene Hydro-Ingenieur İbrahim Halil Demire der Uni Batman in einer Vorstudie herausfand.
Wünsche und Bedürfnisse vor Ort
Zu dem während der zwei Wochen vor Ort realisierten Projekt der Öffentlichen Gestaltungsberatung kam es schließlich, weil der Ortsvorstand und die Bewohner*innen des kleinen kurdischen Bergdorfs Zêwe, in dem 2023 von den Studierenden ein erstes Projekt realisiert wurde, eine erneute Zusammenarbeit wünschten. Damals ging es darum, das Gemeinde- und Trauerhaus, das aufgrund des Ausbleibens der versprochenen staatlichen Finanzierung nicht fertiggestellt werden konnte, für die Dorfgemeinschaft nutzbar zu machen, es mit Möbeln auszustatten, den Eingang zu erweitern, den Vorplatz zu verschatten und einen Aufenthaltsort mit Grillstelle im gemeinschaftlichen Park am Rande des Dorfes zu schaffen. Das alles war in der Zwischenzeit von der Dorfgemeinschaft übernommen, weiter gestaltet oder auch aus- und weitergebaut worden. Aus der Nutzung des damals aktivierten Ortskerns hatte sich in den letzten Jahren der Wunsch nach einer Außenküche und einem auch für die älteren Bewohner*innen bequem erreichbaren Schattenplatz in der Nähe des
Gemeindehauses entwickelt. Für die Zusammenkünfte und Feierlichkeiten des Dorfes war die vor drei Jahre errichtete Infrastruktur inzwischen zu klein geworden und neue Bedürfnisse waren entstanden.
Planung und Umsetzung der Baumaßnahmen
Mit den Bewohner*innen, die diesmal bereits die Ankunft der Hamburger Studierenden erwarteten und von Beginn an eng mit ihnen zusammenarbeiteten, wurden die Nutzungsideen, aber auch die technischen Herausforderungen besprochen und insbesondere welche Materialien, wie Lehm, Stahlrohre oder Naturstein und Geräte wie Flex, Generator und Traktoren vor Ort zur Verfügung stehen. Bei Spaziergängen, Hausbesuchen, Essenseinladungen und gemeinsamem Teetrinken wurden beispielsweise bestehende Öfen und Kochstellen im Dorf besichtigt und Erfahrungen im Bau und der Nutzung erforscht.
In einem kollektiven Planungsprozess wurde vor Ort zunächst entschieden, das Projekt in drei ortsspezifische Eingriffe zu gliedern, die jeweils die Bedürfnisse nach einer gemeinschaftlichen Kochgelegenheit, dem angenehmen Sitzen sowie nach Verschattung aufgreifen, um schließlich diese Elemente in die bestehende Topografie einzuarbeiten und grob zu verorten. Auf dieser gemeinsamen Grundlage entwickelten sich Entwurf und Planung zeitgleich mit Bau und Logistik. Gemeinsam mit den Projektpartner*innen und mit den Bewohner*innen begann sofort das Beschaffen von Materialien, die auf ein Eröffnungsfest hin ausgerichtete Zeitplanung, erste Material- und Konstruktionstests und eine permanente gestalterischen Anpassung an die dadurch begreifbar gewordenen Erfahrungen.
Um den beeindruckenden Blick ins Tal und auf die schneebedeckten Berge des Ostpontischen Gebirge vom höchstgelegenen Ort des Dorfes besser erlebbar zu machen, bezog das Projekt die Landschaft und bauliche Überreste älterer Gebäude stark in die gestalterischen Überlegungen mit ein. Mögliche Ausblicke in die Umgebung, Pflanzen, Grundstücksverhältnisse, Alltagsnutzungen, Bodenbeschaffenheit, Geländeverlauf oder die Wege der Tiere wurden dabei berücksichtigt. Ein unter der Grasschicht vorgefundener Felsen wurde zur Grundlage für die Terrassen-Plattform, die Küche ergab sich aus der Erweiterung einer kleinen Ruine und der große neue Stahl-Sonnenschirm korrespondierte freundlich mit dem einzigen Baum auf der Fläche.
Das Beste zum Schluss: eine Party
Das vom Dorf und der gesamten Projektgruppe organisierte Abschlussfest machte nach zehn Tagen ausgiebig Gebrauch von der neuen in die Landschaft integrierten Objektkonstellation. Durch die vielen geteilten praktischen Aktivitäten war eine temporäre Gemeinschaft entstanden, die den Hamburger Studierenden nicht nur einem tiefen Einblick in die alltäglichen Auswirkungen der spezifischen historischen Konfliktlage in Zêwe und der kurdischen Region ermöglichte, sondern auch einen gemeinsamen alltäglichen Handlungsraum erfahrbar machte.
Text: Julia Mummenhoff, Prof. Dr. Jesko Fezer für das HFBK Jahrbuch