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Studieren ohne Grenzen

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„Bist du dir sicher? Auslandspraktikum mit Kind? Ohne Bezugsperson? Kind, du musst wissen, wo deine Grenzen sind“. Diese mahnenden Worte – in meinem Fall die meiner Stiefmutter – sollten mich auf den Boden der Tatsachen zurückbringen.

Zugegeben, meine Idee klang verrückt. Während andere ehemalige Erasmus-Studierende von der besten Zeit ihres Lebens schwärmten, fand ich für meine Konstellation – alleinerziehend, mit Kind und mentaler Herausforderung – keinen einzigen Erfahrungsbericht. Anstatt mich entmutigen zu lassen, fragte ich mich: Warum nicht? Ich beschloss, genau diese Lücke zu füllen: Ich schrieb meinen eigenen, verrückten Erasmus-Bericht.

Ich bin Thanh-Nhi Vo, 31 Jahre alt, deutsch-vietnamesische Design-Masterstudentin und alleinerziehende Mutter eines sechs-jährigen Sohnes. Als Kind einer vietnamesischen Arbeiterfamilie war mir stets bewusst, dass ich mir meinen akademischen und beruflichen Weg hart erkämpfen musste. Doch dank der Chance, die mir Erasmus bot, musste ich diesen Kampf nicht allein führen. Mein Ziel: ein Praktikum von Februar bis August 2025. Die Entscheidung fiel unter extremem Zeitdruck, da dies die letzte große Chance vor der Einschulung meines Sohnes war. Trotz persönlicher Hürden und fehlender Bezugsperson gelang es mir, in nur zwei Monaten eine LinkedIn-Präsenz aufzubauen, Bewerbungen zu versenden und ein Unternehmen zu organisieren. Die Zusage in letzter Minute erforderte dann einen Sprint bei der Wohnungssuche und der Organisation eines internationalen Kindergartens – all das, während mein Studium im Hintergrund weiterlief. Die Finanzierung, gesichert durch staatliche Hilfen, das Deutschlandstipendium sowie die Erasmus- und Erasmus+ Zusatzförderung, war ein organisatorischer Kraftakt, der die Messlatte für den gesamten Aufenthalt hochlegte.

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Der Alltag in Barcelona war eine logistische Meisterleistung. Um der mentalen Anspannung entgegenzuwirken, nutzte ich das Fahrrad als Hauptverkehrsmittel und legte täglich über zwei Stunden zurück, davon eine Stunde mit meinem Sohn. Diese sportliche Balance war essenziell. Die Anstrengungen wurden jedoch durch die außerordentliche Herzlichkeit der internationalen Kontakte mehr als aufgewogen. Die Geduld bei meinen A1-Spanischkenntnissen und die Offenheit der Einheimischen waren tief beeindruckend. Wir erlebten Feste wie die "Calçotada" und Sant Jordi. Auch kurze, zufällige Begegnungen – etwa die geteilte Euphorie mit einem Verkäufer über eine schöne Wassermelone – versüßten den Aufenthalt. Die Zuneigung von Kollegen, dem CEO und Einheimischen schenkte uns ein tiefes Gefühl von Zugehörigkeit. Zur Entspannung nutzten wir städtische Angebote wie Strandbesuche, Wanderungen und die kostenfreien Zeiten beliebter Museen, was ich als äußerst familienfreundlich empfand. Große Freude bereiteten meinem Sohn und mir zudem unsere Besuche von Couchsurfing-Events, etwa Origami-Abenden oder Picknicks im Park.

Mein Praktikum bei Ideas for Change, einem Beratungsunternehmen mit Fokus auf Social Impact, konzentrierte sich primär auf Business und KI-Technologie. Ich war an der Entwicklung eines GPT-Agenten für die Pentagrowth-Methodologie und der Automatisierung von Social-Media-Inhalten beteiligt. Dabei erkannte ich schnell: Die wahre Herausforderung ist nicht das 'Wie' der Werkzeugbeherrschung, sondern das 'Warum' der strategischen Fragestellung. In meinem Abschlussgespräch entwickelte ich, inspiriert durch diese Erkenntnis, die Idee eines Value-Effort-Matrix- Frameworks zur Priorisierung von KI-Initiativen. Die wichtigste Lektion war die Verschiebung meiner Rolle: Der Mensch muss das kritische, strategische Denken behalten. Ich lernte, vom reinen Nutzer zum Strategischen Architekten zu werden, der die Vision liefert, um KI-Tools effektiv zu nutzen. In meiner familiären Verantwortung beruhigte mich das menschlich interessierte Umfeld der Firma; der CEO zeigte großes Verständnis für persönliche Hürden und förderte eine Kultur der Flexibilität.

Die größte und anhaltende Hürde war die Finanzierung. Das unbezahlte Praktikum, hohe Mieten und die verzögerte Auszahlung des Auslands-BAföG zwangen uns zu zwei Wohnungswechseln. Um das Budget zu sichern, musste ich zudem meine Hilfskrafttätigkeit der Heimathochschule remote fortführen. Dies nahm mich zeitlich und ressourcenmäßig stark in Anspruch und reduzierte die Spielzeit meines Sohnes. Trotz dieser Mehrbelastung konnte ich meine Konzentrationsschwierigkeiten bewältigen: Die konsequente Dokumentation und die vom Unternehmen gewährte flexible Arbeitsgestaltung waren hierbei essenziell.
 
 

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Mein Rat an alle, die diesen Weg gehen möchten: Führt einen ehrlichen Ressourcen- Check (finanziell, mental, Netzwerk) durch und plant großzügig Zeit ein. Stellt euch darauf ein, dass es mit Kind und begrenzten Ressourcen nicht die gleiche "unbeschwerte" Zeit wie für andere Erasmus-Studierende wird. Aber gerade diese Herausforderung macht es zu eurem ganz eigenen, spannenden Abenteuer. Dieser mutige Schritt ist essenziell, um eure Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu steigern und aktiv das Vorurteil zu widerlegen, dass Familie und internationale Ambitionen unvereinbar sind. Speziell Geförderten rate ich: Plant finanziellen Spielraum für Entlastung (z.B. Babysitting) ein, kontrolliert die Einhaltung der Arbeitszeiten und netzwerkt aktiv.

Mir war von Anfang an klar, dass dieser Aufenthalt mit der 24/7- Familienverantwortung keine unbeschwerte Zeit werden würde. Dennoch war er essenziell für meine berufliche und persönliche Reifung. Ich habe nicht nur neue berufliche Türen geöffnet, sondern etwas von weitaus größerer Bedeutung gewonnen: die Entdeckung meiner Resilienz – die Gewissheit, jede Situation meistern zu können. Dieses Selbstvertrauen ist mein wertvollstes Mitbringsel. Ich lernte, Dynamiken und Beziehungen leichter loszulassen, um Energie für Positives freizusetzen, das Privileg des Augenblicks zu genießen und Abschiede als Akt der Liebe und Dankbarkeit zu gestalten. Diese innere Stärke spiegelt sich in der philosophischen Lehre Barcelonas wider, verwurzelt im spanischen Lebensgefühl:
 
"Lo que viene, viene; Lo que se va, se va" (Was kommt, das kommt; was geht, das geht).

Diese tiefen Momente der Erkenntnis machen meinen Auslandsaufenthalt für meinen Sohn und mich unvergesslich. Ich habe mein eigenes, verrücktes Erasmus-Kapitel geschrieben und bewiesen, dass es keine Grenzen gibt, wenn man den Mut hat, seine eigenen Möglichkeiten zu definieren – auch mit Kind. 

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