Nora Welsch in Valencia, Spanien

Zwei Semester im Ausland zu leben und zu studieren ist eine unglaublich tolle und besondere Erfahrung. Sie ist umso wertvoller, wenn sie trotz einer Behinderung erfolgreich gelingt.

Vorbereitung

Ich hatte mich dazu entschieden mein Auslandssemester erst am Ende meines Masterstudiums zu machen, da ich anschließend nicht erneut nach Mainz ziehen würde und dort somit keine neue Assistenz suchen müsste.

Mir war immer klar, dass ich nach Spanien gehen wollte, da ich die Sprache liebe und schon lange lerne. Außerdem beruhigte mich, dass Spanien nicht so weit weg ist. Mir war bewusst, dass die Wahrscheinlichkeit, dass ich mein Auslandssemester im Rollstuhl genießen konnte stark davon abhängt, wie barrierefrei meine gewählte Stadt sein würde. Dass meine Wahl auf Valencia fiel, war eine Bauchgefühl-Entscheidung.

Etwa ein Jahr vor Beginn meines Auslandsstudiums startete ich mit den Vorbereitungen. Ich bewarb mich um eine Erasmus-Förderung und reichte in Kooperation mit der Universität Mainz einen Langantrag für auslandsbedingte Mehrkosten ein. Leider ist dieser tolle Antrag aber auch mit einem großen bürokratischen Aufwand verbunden. Dennoch ist der Mehrbedarf Gold wert, da er mir ermöglichte bis zu 10.000 Euro für zusätzliche Kosten zu beantragen, die aufgrund meiner Behinderung im Ausland anfallen (Physiotherapie, Kosten für das Zimmer der Assistentin, Taxikosten etc.).

Mein dringlichster Rat: Sprecht die Landessprache!

Die Suche nach einer geeigneten Unterkunft

Die Wohnungssuche war sicherlich der Knackpunkt meines Auslandsaufenthaltes. Während zum Start meines Erasmus-Semesters die Assistenz engagiert, der Erasmus+ Langantrag genehmigt und die Anreise organisiert war, fehlte immer noch die Wohnung. Ich wusste, dass es extrem schwierig werden würde, eine barrierefreie Wohnung zu finden, unterschätzte aber die Dimension. In Valencia gibt es nur wenige barrierefreie Studentenwohnheimplätze. Diese waren bereits Monate im Voraus vergeben und meine intensive Internetrecherche ergab leider auch keine Treffer.

Die ersten zwei Wochen in Valencia verbrachte ich mit meinen Eltern, die zur anfänglichen Unterstützung mitreisten, in einer Ferienwohnung. Zwei Tage vor ihrer Abreise zeigte mir eine Maklerin eine Wohnung, die zwar recht weit von der Uni entfernt lag, aber meinen Bedürfnissen entsprach. In dieser Wohnung kam ich verhältnismäßig gut zurecht und war extrem erleichtert.

Das Studium an der Universidad de Valencia

Mein Studium erlebte ich als sehr angenehm. Es herrschte eine persönliche Beziehung zwischen Studierenden und Professoren. Meine Kurse konnte ich alle erfolgreich bestehen. Positiv überraschte mich, dass an meiner Fakultät sehr viele behinderte junge Menschen studierten, besonders viele im Rollstuhl und mit Sehproblemen.

Die Uni hat zudem ein paar Sportangebote für Studierende mit Behinderung. Ich ging regelmäßig zu einem Muskelaufbautraining mit einem Physiotherapeuten. Außerdem entdeckte ich noch eine Boccia-Gruppe für Rollstuhlfahrer, die mir sehr viel Spaß machte.

Sehr zu kämpfen hatte ich mit den langen Seminarzeiten. Ich hatte Seminare von zwei bis zu sechs Stunden am Stück. Das war für mich extrem kräftezerrend und kaum durchzustehen, da ich keine Möglichkeit hatte mich auszuruhen oder zu verschnaufen.

Alltag und Freizeitgestaltung

Meine Freizeitgestaltung ist der wohl problemloseste Teil meiner Auslandserfahrung gewesen. Valencia ist eine sehr barrierearme Stadt. Mit meinem Elektrorollstuhl konnte ich problemlos in sämtliche Bars, Restaurants und in die Mehrzahl der Diskotheken. Die Mitarbeiter sind sehr hilfsbereit. Lediglich einen Nachteil gibt es: War ich mit einer Assistentin unterwegs, so musste ich auch für sie Eintritt oder ein Busticket zahlen.

Im Gesamten fühlte ich mich sehr frei, angenommen und unheimlich selbstständig.

Mit der studentischen ESN Erasmus-Gruppe unternahm ich eine Reise nach Andalusien. Dieser Ausflug war wirklich toll und bestärkte mich, weitere Abenteuer anzugehen. Die spanischen ESN-Studierenden waren generell sehr hilfsbereit und offenherzig.

Fazit

Ich möchte alle Studierenden mit Behinderung ermutigen das Abenteuer "Auslandssemester" anzugehen – auch wenn man auf einige schwierige Situationen vorbereitet sein muss. Der Erasmus-Aufenthalt war die schönste Zeit meines Studiums. Es war ein Traum, der in Erfüllung ging. Ihn zu erleben hat mir Selbstbewusstsein, noch mehr Tatendrang und ein totales Freiheitsgefühl beschert.