Nicolas Butylin
Ressortleiter Geopolitik, Berliner Zeitung
“Bildungsaustausch darf sich nicht dem Freund-Feind-Denken unterwerfen. Wenn wir es schaffen, aus dieser Logik auszubrechen, kann Erasmus zu einem echten Instrument der Verständigung werden.”
Nicolas Butylin
- Jahr:
- 2020
- Ort:
- Litauen, Vilnius
- Art:
- Studium
- Fach:
- Internationale Politik
- Heimathochschule:
- FU Berlin
1. Was hat Sie damals zu Ihrem Erasmus+-Aufenthalt bewogen?
Ich wollte im Master-Studium unbedingt noch einmal Auslandserfahrung sammeln und meine Expertise im postsowjetischen Raum vertiefen. Die Nähe zu Belarus war dabei kein Zufall, sondern eine bewusste Entscheidung. Ich wollte das Baltikum und Belarus aus einer studentischen Perspektive kennenlernen.
2. Welche Erinnerungen verbinden Sie besonders mit dieser Zeit? Gab es Herausforderungen, die Sie nachhaltig geprägt haben?
Mein Aufenthalt fiel mitten in die Corona-Zeit. Ich habe im Lockdown studiert, mit allem, was das bedeutete: eingeschränkte Bewegungsfreiheit, geschlossene Grenzen, wenig sozialer Austausch vor Ort. Und doch war es paradoxerweise eine Zeit, in der ich mich freier gefühlt habe als je zuvor. Frei im Kopf, frei in der Auseinandersetzung mit einer neuen Umgebung, trotz aller äußeren Beschränkungen. Diese Erfahrung, in der Enge dennoch Weite zu finden, hat mich nachhaltig geprägt.
3. Hat Ihr Erasmus+-Aufenthalt Ihre berufliche Laufbahn oder Ihre persönliche Entwicklung beeinflusst?
Ja, auf jeden Fall, sogar entscheidend. Während meines Aufenthalts habe ich angefangen, einen Blog zu schreiben. Aus diesem eher zufälligen Anfang entwickelte sich ein fließender Übergang in den Journalismus, der schließlich zu meiner heutigen Tätigkeit als Leiter des Geopolitik-Ressorts bei der Berliner Zeitung geführt hat. Ohne dieses Auslandssemester hätte meine berufliche Laufbahn vermutlich einen ganz anderen Verlauf genommen.
4. Wie blicken Sie, auch vor dem Hintergrund Ihrer journalistischen Arbeit, auf die europäische Idee der offenen Grenzen im Bildungsraum?
Für mich ist das die beste Sache, die die EU hervorgebracht hat. Gerade weil die Europäische Union in vielen anderen Bereichen aktuell kein gutes Bild abgibt, sticht Erasmus als positives Gegenbeispiel heraus. Der Austausch mit Kolleginnen und Kollegen aus den unterschiedlichsten europäischen Ländern bringt einen wirklich weiter. Man merkt schnell, dass man trotz verschiedener Herkunft und Sprache oft mit denselben Problemen kämpft. Das verbindet.
5. In Ihrem Artikel sprechen Sie davon, Erasmus radikaler zu denken – wo sehen Sie die größten Potenziale?
Ich würde mir wünschen, Erasmus-Programme auch mit der Ukraine und mit Russland zu etablieren. Gerade jetzt, wo das kaum vorstellbar erscheint. Genau das macht die Idee so wichtig. Bildungsaustausch darf sich nicht dem Freund-Feind-Denken unterwerfen. Wenn wir es schaffen, aus dieser Logik auszubrechen, kann Erasmus zu einem echten Instrument der Verständigung werden.
6. Welchen Rat würden Sie Studierenden geben, die einen Auslandsaufenthalt planen?
Gehen Sie ins Unbekannte. Probieren Sie sich aus, machen Sie Fehler und lernen Sie daraus. Ein Auslandsaufenthalt bringt einen als Mensch weiter, weil er den eigenen Horizont und Erfahrungsschatz erweitert, oft auf eine Weise, die man vorher nicht für möglich gehalten hätte. Wer zögert, sollte sich einfach trauen. Die Erfahrung lohnt sich immer.